Merle die Muschel

Und so segelte ich in einem kleinen Gurkenglas über das weite Meer. Eine kleine Raupe auf hoher See. Es war eine angenehme Reise. Tagsüber umgab mich unendliches Blau und in der Nacht legte sich ein Mantel aus abermillionen Sternen um mich herum. Es mag vielleicht etwas komisch klingen, aber irgendwie genoss ich die Einsamkeit und Ruhe in diesen Tagen. Und so wurde ich sachte von Welle zu Welle Stück für Stück voran getragen.

Es stellte sich als absoluter Glücksfall heraus, dass ich bei dem großen Sturm ausgerechnet in einem Gurkenglas vom Schiff geschleudert wurde. Andernfalls wäre ich wohl auch nach wenigen Tagen bereits verhungert. So aber reiste ich quasi auf meinem Essen und musste mir über Nahrung erstmal keine weiteren Gedanken machen.

Der Friede dieser Tage endete abrupt, als mich in der neunten Nacht jener Sturm einholte, der mich schon zuvor zum Schiffbrüchigen machte. Doch dieses Mal ging alles ganz schnell.

Zu Beginn war es eine ruhige Nacht. Ich ließ mich von den Wellen wie in einer Wiege sanft hin und herschaukeln während ich friedlich in einem angenehmen Schlaf schlummerte. Plötzlich wurde ich durch ein lautes Grollen aufgeweckt. Ich spürte, wie sich die Luft von einem Moment auf den nächsten in eine einzige Säule aus Energie verwandelte und schon wurde mein kleines Boot aus Glas von einer großen Welle erfasst und im nächsten Moment in die Tiefe des Meeres gezogen.

In meiner kleinen Taucherglocke eingeschlossen sank ich Meter für Meter. Um mich herrschte tiefschwarze Dunkelheit. Dann setzte ich auf dem Grund auf. Und schlief ein.

Als ich aufwachte fiel es mir schwer, meine Augen zu öffnen. Ein grelles Licht blendete mir mitten ins Gesicht, so dass ich meinen Körper auf die andere Seite drehen musste. Als sich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten schaute ich mich langsam um.

“Hallo” hörte ich auf einmal eine unbekannte Stimme sagen. Ich drehte mich um, musste meine Augen aber gleich wieder zusammenkneifen, als das helle Licht mich abermals traf. Die Stimme kicherte.

Nachdem sich meine Augen wenige Momente später an die Helligkeit gewöhnt hatten sah ich sie nur wenige Zentimeter vor meinem Gurkenglas sitzen: Eine Muschel. Es war die schönste Muschel, die ich je in meinem Raupen-Leben gesehen habe. Und in ihrem Mund trug sie eine leuchtende Perle.

“Wer bist du?” fragte ich. “Oh, ich bin Merle, die schönste Muschel der Welt. Und wer bist du?” “Ich bin Rufus, die Raupe.” “Rufus, hmmm. Das ist aber kein besonders schöner Name. Aber egal, den hast du dir ja sicherlich nicht selbst gegeben.” Ich spürte einen kleinen Stich in meinem Magen. Natürlich hatte ich mir den Namen selbst gegeben, wer denn sonst?! Und bisher war ich auch sehr zufrieden damit. “Was machst du hier? Gestern Abend jedenfalls warst du noch nicht hier.”

Und so erzählte ich Merle die Geschichte meiner Reise um die Welt. Wie ich einst aufbrach und welche Abenteuer mich schließlich auf ein Piratenschiff führten, dass zuerst in See stieß und schließlich darin unterging.

 

“Oh, deine Geschichte gefällt mir. Sehr sogar!” Der Ausdruck auf ihrem Gesicht hatte sich längst gewandelt. Von der Erhabenheit zu Beginn war nichts mehr zu sehen. Stattdessen schaute mich Merle inzwischen verträumt und traurig an. Ihre Perle strahlte nicht mehr ganz so stark wie zuvor, dafür verzauberte sie das Meer nun wie eine Diskokugel.

“Ich wünschte, ich könnte auch auf eine Reise gehen. Ehrlich gesagt ist das mein großer Traum”. “Aber was hält dich davon ab?”, fragte ich. Merle lächelte mich stolz an. “Ich kann hier nicht weg.” “Wieso nicht? Es geht ganz einfach, du musst dich nur in die Strömung legen und schon kannst du ganz ohne Kraft mit dem Meer in die Ferne ziehen.” “Das ist es nicht”, erwiderte Merle, “ich kann diesen Ort hier nicht verlassen.” “Wieso?” fragte ich.

Und so erzählte mir Merle ihre Geschichte: “Ich wurde hier vor vielen Jahren geboren. Meine Eltern lebten bereits hier und vor ihnen ihre Eltern. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, ob überhaupt schon mal jemand aus unserer Familie woanders gelebt hat. Als junge Muschel habe ich gerne mit der Strömung gespielt. Aber sobald ich mich von ihr auch nur einen Meter weitertragen lassen wollte, waren meine Eltern sofort da und hielten mich zurück. Eines Tages setzten sich dann meine Eltern mit mir zusammen und erzählten mir, dass wir in unserer Familie eine besondere Aufgabe haben. Wir machen das Licht. Mit unseren Perlen. Seit unendlichen Zeiten sind wir es, die das Meer erhellen und den Fischen und Pflanzen ihre Farbe geben. Ohne uns ist alles schwarz. Diese Aufgabe geben wir von Generation zu Generation weiter. Und seit meine Eltern eingeschlafen sind bin ich nun an der Reihe. Ich muss jeden Tag aufgehen. Man nennt mich wohl Sonne, habe ich einmal gehört. Ich bin auf der ganzen Welt bekannt. Ohne mich gibt es kein Leben. Allerdings macht das tägliche Leuchten müde, deswegen muss ich manchmal ein paar Stunden schlafen. Und deswegen habe ich schon ein schlechtes Gewissen. Wenn ich hier weggehe, dann bleibt alles dunkel. Das Leben stirbt ohne die Sonne. Ich trage eine große Verantwortung. Es ist mein Schicksal.”

Ich lauschte ihren Worten. Als ich gerade antworten wollte, hörte ich ein lautes Gähnen. Es dämmerte bereits, das Meer färbte sich von gelb zu rot. “Tut mir leid, Rufus. Ich bin müde. Ich muss schlafen. Morgen wartet wieder ein langer und anstrengender Tag auf mich. Ich brauche den Schlaf. Aber lass uns doch gerne morgen weiterreden. Ich habe nicht viele Freunde und freue mich über jeden Besuch. Aber die Arbeit geht vor. Gute Nacht, Rufus.”

Und bereits im nächsten Moment war die Muschel geschlossen. Ich blieb noch einige Momente sitzen und dachte nach über das, was mir Merle gerade eben erzählt hatte. Dann legte ich mich mit meinem Gurkenglas in die Strömung und schwebte sanft davon. Was Merle wohl sagen würde, wenn sie wüsste, dass nur wenige Meter weiter unzählige weitere Muscheln wie sie lagen. Und was, wenn sie die richtige Sonne am Himmel sehen könnte? Für einen Moment dachte ich tatsächlich darüber nach, zurückzukehren, um es ihr zu sagen und sie damit zum Reisen zu ermutigen. Aber wahrscheinlich würde sie mir ohnehin nicht glauben. Der Gedanke machte mich traurig.

Die Strömung trug mich weiter durchs Meer. Immer der Ferne entgegen.

 

Merle the Shell

And so I sailed in a small cucumber glass over the wide sea. A small caterpillar on the high seas. It was a pleasant journey. By day I was surrounded by infinite blue and in the night a blanket of millions of stars lay around me. It might sound a bit strange, but somehow I enjoyed the loneliness and the tranquility of these days. And so I was gently carried forward from wave to wave, bit by bit.

It was an absolute stroke of luck that I was thrown from the ship in a cucumber glass during the big storm. Otherwise, I would probably have starved even after a few days. But so I traveled on my food and had not to worry about it.

The peace of those days ended abruptly when, on the ninth night, the storm, which made me shipwrecked before, came back . But this time everything went very fast.

At the beginning it was a quiet night. I was gently rocked by the waves as in a cradle, sleeping peacefully. Suddenly, I was woken up by a loud rumble. I felt the air turning from one moment to the next into a single pillar of energy and my little glass boat was hit by a big wave and pulled into the depths of the ocean.

Trapped in my little diving bell, I sank down meter by meter. Deep black darkness prevailed around me. Then I sat on the ground. And fell asleep.

When I woke up, it was difficult for me to open my eyes. A bright light blinded me in the face so I had to turn my body to the other side. As my eyes got used to the brightness, I slowly looked around.

„Hello“ I suddenly heard an unknown voice saying. I turned around, but had to close my eyes directly when the bright light hit me again. The voice chuckled.

After my eyes adjusted to the brightness a few moments later, I saw her sitting only a few inches from my cucumber glass: A shell. Maybe it was one of the most beautiful shells I have ever seen in my caterpillar life. And in her mouth she wore a shining pearl.

„Who are you?“ I asked. „Oh, I’m Merle, the most beautiful shell in the world. And who are you? „“ I’m Rufus, the caterpillar.“ „Rufus, hmmm. That’s not a nice name. But no matter, you certainly have not given it by yourself.” I felt a small sting in my stomach. Of course, I had given the name by myself, who else?! And so far I have been very happy with it. „What are you doing here? Anyway, you were not here last evening.“

And so I told Merle the story of my journey around the world. How I once set off and what adventures finally led me to a pirate ship that first set sail and eventually went under.

„Oh, I like your story. Very much! „The expression on her face had changed. There was no longer a sign of the grandeur of the beginning. Instead, Merle looked at me now dreamy and sad. Her pearl was no longer as strong as it had been before, but now she enchanted the ocean like a disco ball.

„I wish I could go on a trip as well. Honestly this is my big dream „. „But what’s stopping you?“ I asked. Merle smiled proudly at me. „I can not leave here.“ „Why not? It’s very simple, you just have to lie down in the current and then you can move with the ocean into the distance without any strength. „That’s not it,“ Merle replied,“ I can not leave this place here. “ Why not? „I asked.

And so Merle told me her story: „I was born here many years ago. My parents already lived here and their parents did before. Honestly, I do not even know if any of our family ever lived elsewhere. As a young shell I liked to play with the current. But as soon as I wanted to let her carry me even a meter, my parents immediately held me back. One day, my parents sat down with me and told me that we have a special mission in our family. We make the light. With our pearls. From time immemorial, it is we who brighten the sea and give colors to fishs and plants. Without us everything is black. We pass this task from generation to generation. And since my parents fell asleep, it’s my turn now. I have to get up every day. I am called Sun, I once heard. I am known around the world. Without me, there is no life. However, its a hard job and it makes me tired, so sometimes I have to sleep for a few hours. And I already have a bad conscience because of that. If I leave here, everything will stay dark. Life dies without the sun. I have a big responsibility. It’s my destiny.“

I listened to her words. As I was about to answer, I heard a loud yawn. It was already dawning, the sea was turning from yellow to red. „I’m sorry, Rufus. I am tired. I have to sleep. The next long and exhausting day is waiting for me. I need sleep. But let’s talk tomorrow. I do not have many friends and I enjoy every visit. But the work goes first. Good night, Rufus. „

And the next moment the shell was closed. I sat for a few more moments and thought about what Merle had just told me. Then I put my cucumber glass into the current and floated off gently. What Merle would say, if she knew that only a few meters further innumerable other shells like her lay. And what if she could see the true sun in the sky? For a moment, I actually thought about going back to tell her and to encourage her to travel. But she probably would not believe me anyway. This thought made me sad.

The current carried me further through the sea. Always far away.

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