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Aufstand der Würde

13. März 2016. Die Vergangenheit hat gesprochen. Ein Tag, der sich als „Brauner Sonntag“ in das bundesdeutsche Gedächtnis einprägen wird. Ein Tag, an dem in drei Bundesländern insgesamt mehr als 1,3 Millionen Menschen eine rechtskonservative bis zutiefst rassistisch-völkische Partei als ihren persönlichen Stellvertreter in die jeweiligen Parlamente (eines demokratischen Systems, das viele perfiderweise abschaffen wollen) geschickt hat. Ein Tag, der zurecht Angst macht. Angst vor dem, was passiert ist. Und Angst vor dem, was vor uns liegt.

14. März 2016. Die Zukunft beginnt jetzt. Egal, welcher politischen Richtung abseits des rechten Randes wir uns zugehörig fühlen, wir stehen vor einer gesellschaftlich immens wichtigen Herausforderung. Und diese müssen wir nun gemeinsam angehen. Ohne uns entmutigen oder verunsichern zu lassen; ohne zu hyperventilieren; ohne in blinden Aktionismus zu verfallen; ohne uns selbst auf die von Hass erfüllte Ebene der Rechten ziehen zu lassen; ohne die Situation zu beschönigen; ohne in dogmatische Grabenkämpfe zu verfallen; ohne gegenseitige Schuldzuweisungen; ohne Konsenslosigkeit. Ein Tag, der zurecht Hoffnung macht. Hoffnung darauf, die Angst zu besiegen. Hoffnung vor dem, was vor uns liegt. Hoffnung darauf, das wichtigste Grundrecht der Geschichte, für das in der Vergangenheit unzählige Menschen ihr Leben verloren haben, auch für die nachfolgenden Generationen zu bewahren: Die Würde des Menschen.

„Wir schaffen das!“

Wahrscheinlich hat Angela Merkel tatsächlich die Parole für uns alle geliefert, wenn auch in einem etwas anderen Zusammenhang: „Wir schaffen das!“. Wenn wir als Gesellschaft nicht um Jahrzehnte zurückgeworfen werden, von Hass und Angst fortlaufend zermürbt, vielleicht sogar dauerhaft gespalten werden wollen, dann müssen wir jetzt aktiv werden und handeln. Jede*r Einzelne von uns. Und dabei müssen wir (erstmal) gar nicht unbedingt alles bisherige in Frage stellen oder die Welt neu erfinden. Vielmehr müssen wir uns nun überlegen, wir wir zusammenarbeiten können. Überhaupt geht es nun um Arbeit.

Und doch müssen wir uns an der einen oder anderen Stelle kritisch mit uns selbst auseinandersetzen.

Etwa in der Plattformfrage. Nicht erst seitdem die kommerziell getriebenen Akteure die Hoheit über die Sozialen Medien übernommen zu haben scheinen, habe ich ehrlich gesagt ein Stückweit den Glauben an das verloren, was ich einst als Chance für eine meinungsstärkere, aktivere und handlungsfähigere Gesellschaft gesehen habe. Wenn wir ehrlich sind, führen die aktuellen Algorithmen und Nutzungsszenarien nicht zwangsweise dazu, dass wir uns meinungs- und gesellschaftsübergreifend mehr miteinander austauschen, um als pluralistische und aufgeklärte Gemeinschaft sozial weiter zu wachsen. Eher deutet sich inzwischen immer öfter das Gegenteil an. Wir schotten uns gegenseitig noch stärker voneinander ab, als ohnehin schon und wir bewegen uns in Filterblasen, wo wir lediglich unsere bestehende Meinungsbilder gegenseitig bestärken. Die Konsequenz ist, dass wir unsere Botschaften wie in einem abgeschlossen Spiegelzimmer gegenseitig vorhalten. Immer wieder sehen wir nur das gleiche Abbild und verlieren das Gefühl dafür, was hinter diesen Spiegeln tatsächlich passiert. Das geht den AfD- und Pegida-Sympathisanten genauso, wie auch uns, die wir uns als tolerante und aufgeklärte Menschen mit Herz und Verstand verstehen. Kein Wunder, dass die einen „Lügenpresse“ skandieren, während die anderen vor Schock erstarren, wenn sie dann auf den Gängen in Begleitung der Mittler zwischen den Spiegelzimmern mit den jeweils anderen Welten konfrontiert werden, zu denen sie längst den unmittelbaren Kontakt verloren haben.

Etwa in in der Aktionsfrage. Daran schließt gleich die nächste Frage an: Reicht es tatsächlich aus, lediglich auf Facebook und Twitter Posts zu verfassen, um sie an unsere „Spiegel-Netzwerke“ zu transportieren? Keine Frage, es ist unglaublich wichtig, dass wir unsere eigenen Reihen geschlossen halten; dass wir zusammenrücken und uns gegenseitig informieren, mobilisieren und solidarisieren. Seit Jahren diskutieren wir über „Clicktivism“, also das Phänomen, dass mehr und mehr Menschen sich sozialen und politischen Aufrufen (vornehmlich Protesten) im Netz anschließen, dass aber weitaus seltener diese Aktionen in gesellschaftlichen (konstruktiven) Maßnahmen in der realen Welt münden. Auch hier gilt: Selbstverständlich ist es nicht falsch, das Netz zur Mobilisierung zu nutzen. Ganz im Gegenteil, die sozialen Netzwerke sind wohl sogar die stärksten Mobilisierungsinstrumente, die wir bisher zur Verfügung hatten. Aber unsere Aktivitäten dürfen dort nicht enden. Sie müssen quasi auf die Straße getragen und in der realen Welt gelebt werden. In gewisser Weise haben es uns die Rechten in den vergangenen Monaten vorgemacht. Nun müssen wir nachziehen. Nicht nur das Netz gehört uns. Auch die Straße.

Etwa in der Haltungsfrage. Viele von uns schimpfen zurecht über das deutsche Parteiensystem. Natürlich läuft hier vieles nicht ganz „richtig“. „Richtig“ im Sinne des gesellschaftlichen Wohls, um das es eigentlich gehen sollte und nicht um die sich fortlaufend vergrößernde Schere zwischen Arm und Reich im Sinne der unmenschlichen Ideologie der Chicagoer Schule. Die weitestgehend im Geheimen ablaufenden Verhandlungen des transatlantischen Freihandelsabkommens (TTIP) können hier womöglich als stellvertretendes Beispiel herhalten. Politiker, die weniger aus Überzeugung zum Wohl der Bürger, als aus (oftmals auch Eigen-) Interesse zum Wohl des Kapitals (im Sinne der Chicagoer Schule) sowie des eigenen Machterwerbs handeln. Es mieft und müffelt gewaltig in der Politik, so zumindest die Wahrnehmung der Öffentlichkeit davon. Und unabhängig davon, wie sehr diese Wahrnehmung stimmt oder nicht, es ist die Öffentlichkeit, um die es geht. Und wenn die Menschen den Glauben an ein im Grunde genommen imaginäres Systeme von Politik, Demokratie und Gesellschaft verlieren, dann ist das eine grundsätzliche Gefahr. Denn diese Systeme sind keine von der Natur geschaffene Wesen, die es gibt oder nicht. Sie existieren, weil wir daran glauben. Und nur solange wir als Gesellschaft an die Wesen von Politik und Demokratie glauben, können diese existieren. Geht dieser Glaube verloren, wird Zwang notwendig – und sei er auch nur gefühlt. Und Zwang zerstört Glaube.

Etwa in der Engagementfrage. Was ich mich frage in diesem Zusammenhang: Ist es richtig, sich über die Entwicklungen in der Politik nur zu ärgern, ohne – abgesehen von Wahlen – zu versuchen aktiv darauf einzuwirken? Ich bin ein überzeugter Anhänger der Zapatisten in Mexiko, die sich als nichtparlamentarische soziale Bewegung ganz bewusst aus dem parlamentarischen System heraushält, weil sie Angst davor hat, von diesem assimiliert und verschluckt zu werden und stattdessen ein alternatives Bildungs- und Gesundheitswesen etabliert hat, das sich um die Armen und Entrechteten kümmert. Den Gedanken finde ich nachvollziehbar. Und ich finde ihn gut. Allerdings frage ich mich inzwischen auch, ob es darüber hinaus nicht auch sinnvoll sein könnte, sich ganz bewusst in das parlamentarische System hineinzubegeben, mit der träumerischen Vision, an dem Versuch einer Veränderung von innen mitzuwirken. Ich habe diese Frage für mich persönlich noch nicht abschließend beantwortet. Aber ich muss es in absehbarer Zeit tun, das ist mir klar.
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Es gibt genug Anlaufpunkte

Es ist aber nicht so, dass nichts passiert. Das zu behaupten würde all jenen Unrecht tun, die sich seit Monaten, Jahren und Jahrzehnten sozial, politisch und gesellschaftlich zum Wohle der Gemeinschaft engagieren. Aber – und da zähle ich auch mich dazu – es gibt eine große Mehrheit, die sich bisher noch zurückhält oder die sich erst nach und nach anfängt aktiv mit einzubringen. Diesen sei gesagt:

Wer sich heute über das Gestern schockiert und vor dem Morgen verängstigt zeigt, der muss heute aktiv werden! Es ist wie bei einer Wahl: Wer nicht wählen geht handelt sich selbst und der Gesellschaft gegenüber verantwortungslos, weil er damit automatisch die falschen Kräfte stärkt. Wer jetzt nicht gegen den Rechtsruck aktiv wird, der tut genau dasselbe: Er/Sie verstärkt den Rassismus und den Hass in unserer Gesellschaft, bis er irgendwann ganz tief verankert ist.

Berliner Abgeordnetenhaus-Wahlen als Meilenstein

In Berlin finden am 18. September die Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus statt. Wir haben jetzt noch exakt 6 Monate Zeit, um einen Rechtsruck auch hier zu verhindern. Wenn wir es schaffen, die AfD aus dem Abgeordnetenhaus der Hauptstadt draußen zu halten, dann können wir dieser Partei nicht nur einen herben Schlag versetzen, sondern ein wichtiges Signal ins ganze Land senden. Ein Signal, das Mut und Hoffnung zugleich ist. Mut, dass sich unsere Gesellschaft eben nicht zwangsläufig von durch Hass und Angst geprägten Akteuren in Geiselhaft nehmen lässt. Und Hoffnung, dass wir als Gesellschaft wachsen können an dem, was heute vielleicht wie eine Krise auszusehen scheint.

Dies wird allerdings nur gelingen, wenn wir uns parteiübergreifend zu einem Bündnis zusammentun, das den Aufstand der Würde propagiert. Anlaufstellen gibt es dafür genug.

Ich selbst bin jemand, der sich als digital Native versteht und der das vergangene Jahrzehnt intensiv virtuell verbracht hat – beruflich, wie auch privat. Erst durch eine selbstverordnete mehrmonatige Auszeit, in der ich mich zwischenzeitlich auch für einige Wochen komplett vom Netz und den sozialen Medien abnabelte, habe ich mich ein Stück weit konsolidiert. Auf einmal bewege ich mich durch die Stadt und erkenne eine Vielzahl von Initiativen in der unmittelbaren Nachbarschaft, die sich über jedes Interesse begeistert zeigen.
Mitmachen: Breite Bündnis-Arbeit in Neukölln

Initiativen wie etwa das „Bündnis Neukölln“, ein breites Bündnis von Parteien, Kirchen, Gewerkschaften, Migrant*innenvereinen, Einzelinitiativen, staatliche Einrichtungen und interessierten Menschen, die sich zusammengeschlossen haben, um sich gemeinsam für Demokratie, Respekt und Vielfalt einzusetzen. Dabei geht es sowohl um den aktiven Kampf gegen rechtsextreme Aktivitäten, wie auch um zivilgesellschaftliches Engagement im Bereich von Integration, Flucht und Asyl oder die nachhaltige Antirassismus-Arbeit. Neuköllner*innen, die Interesse daran haben, das Bündnis Neukölln kennenzulernen, sind gerne eingeladen, uns zu besuchen oder mich persönlich dazu anzusprechen.

Darüber hinaus gibt es seit Wochen Treffen von Menschen, Initiativen und Organisationen, die gemeinsam verschiedene Berlin- und bundesweit agierende Bündnisse gegen Rechts, gegen die AfD und zur Stärkung der Demokratie aufbauen. Hier ist einiges in Bewegung, was Mut und Hoffnung macht und es wird dazu in Kürze erste offizielle Mitteilungen geben.
Die Krise nutzen & als Chance verstehen

Daher sollten wir uns alle jetzt nicht entmutigen lassen, sondern uns ganz im Gegenteil überlegen, wie und wo wir uns aktiv mit einbringen können. Eine Gesellschaft ist kein sich selbst erhaltendes Konstrukt. Es lebt durch das Engagement und die Teilhabe der Einzelnen. Und die Einzelnen können von der Gesellschaft nicht nur nehmen, sondern sie müssen auch geben.

Letztlich kann die Situation, die uns gerade schockiert auch dazu führen, dass das zivilgesellschaftliche Engagement wieder stärker auflebt und wir gemeinsam eine Zukunft schaffen, in der wir, unsere Kinder und Enkel leben können und wollen. Ohne Angst. Ohne Hass. Ohne AfD. Dafür inmitten von Respekt, Toleranz, Vielfalt und Demokratie. Eine Gesellschaft, in der die Menschen, ganz gleich welcher Hautfarbe, Religion, Neigung, Geschlecht, Behinderung, oder Nationalität Schutz und Chance zugleich erhalten. Die Würde des Menschen, sie muss auch in Zukunft unantastbar unser oberstes Gut bleiben!

Es liegt an uns, wir haben es in der Hand. Machen wir was draus!

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