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Ein kleiner Heldenexkurs

In letzter Zeit drehen sich unheimlich viele Gespräche im Kollegen-, Freunde- und Familienkreis um die Frage nach der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns und um den inneren Drang, „etwas verändern zu müssen“. Bei einem dieser Gespräche wurde mir mit „Haben oder Sein“ von Erich Fromm ein Buch empfohlen, welches ich mir umgehend gekauft habe und was seither zu sowas wie meiner kleine Bibel geworden ist.

In diesem kleinen Buch, welches bereits 1976 veröffentlicht wurde, setzt sich der Psychoanalytiker und Sozialphilosoph Erich Fromm gesellschaftskritisch mit einer der zentralen Fragen unseres Lebens auseinander, nämlich jener nach Haben oder Sein. Während Fromm unter „Haben“ das Streben nach Besitz und damit eines der Hauptprobleme unserer Gesellschaft versteht, sieht er im „Sein“ die Möglichkeit eines erfüllten und nicht entfremdeten Lebens.

Es gibt so unglaublich viele gute Stellen in dem Buch, in denen ich mich und meine Gedankenwelt wiederfinden kann und die ich gerne hier alle verarbeiten würde. Und vielleicht werde ich dies irgendwann auch noch etwas ausgiebiger tun. Fürs Erste jedoch beschränke ich mich auf einen zusammengestellten Textausschnitt (S. 134-137), den ich nicht weiter kommentieren, sondern einfach nur wirken lassen möchte.

Das Heldenprinzip nach Erich Fromm

Sich nicht vorwärts zu bewegen, zu bleiben, wo man ist, zu regidieren, kurz, sich auf das zu verlassen, was man hat, ist eine sehr große Versuchung, denn was man hat, kennt man, man fühlt sich darin sicher, man kann sich daran festhalten. Wir haben Angst vor dem Schritt ins Ungewiss, ins Unsichere und vermeiden ihn deshalb; denn obgleich der Schritt nicht gefährlich erscheinen mag, nachem man ihn getan hat, so scheint doch vorher, was sich daraus ergibt, riskant und daher angsteregend zu sein. Nur das Alte, Erprobte ist sicher, oder wenigstens scheint es das zu sein. Jeder neue Schritt birgt die Gefahr des Scheiterns und das ist einer der Gründe, weshalb der Mensch dir Freiheit fürchtet.

Trotz dieser Sicherheit des Habens bewundern wir aber Menschen mit einer Vision von etwas Neuem, die neue Wege bahnen, die den Mut haben, voranzuschreiten. In der Mythologie verkörpert der Held symbolisch diese Existenzweise. Der Held ist ein Mensch, der den Mut hat, zu verlassen, was er hat – sein Land, seine Familie, sein Eigentum – und in die Fremde hinauszuziehen, nicht ohne Furcht, aber ohne ihr zu erliegen.

Auch der Held im Märchen entspricht dem gleichen Ideal: Er verlässt die Heimat, drängt vorwärts und kann die Ungewissheit ertragen. Wir bewundern diese Helden, weil wir im tiefsten fühlen, dass ihr Weg auch der unsere sein sollte – wenn wir ihn einschlagen könnten. Aber da wir Angst haben, glauben wir, dass wir es nicht können und dass nur der Held es kann. Der Held wird zu einem Idol; wir übertragen auf ihn unsere Fähigkeiten, voranzuschreiten und dann bleiben wir, wo wir sind, denn wir sind keine Helden.

Es ist zwar wünschenswert, aber im Grunde verrückt und gegen das eigene Interesse ein Held zu sein. Das stimmt hedoch keinesfalls. Die. Vorsichtigen, die Besitzenden wiegen sich in Sicherheit, doch notwendigerweise sind sie alles andere als sicher. Sie sind abhängig von ihr Besitz, ihrem. Geld, ihrem Prestige, ihrem Ego – das heißt von etwas, was sich außerhalb ihrer Selbst befindet. Aber was wird aus ihnen, wenn sie verlieren, was sie haben?
Wer bin ich, wenn ich bin, was ich habe und dann verliere, was ich habe? Nichts als ein besiegter, gebrochener, erbarmenswerter Mensch, Zeugnis einer falschen Lebensweise.

Die Angst und Unsicherheit, die durch die Gefahr entsteht, zu verlieren, was man hat, gibt es in der Existenzweise des Seins nicht. Wenn ich bin, der ich bin und nicht, was ich habe, kann mich niemand berauben oder meine Sicherheit und mein Identitätsgefühl bedrohen. Mein Zentrum ist in mir selbst – die Fähigkeit, zu sein und meine mir eigenen Kräfte auszudrücken, ist Teil meiner Charakterstruktur und hängt von mir ab.

Was man gibt, verliert man nicht, sondern im Gegenteil, man verliert, was man festhält.

(Quelle: Erich Fromm – „Haben oder Sein“, 1976)

Und wenn wir schon bei einem kleinen Exkurs in die Heldenwelt sind, dann möchte ich auch auf ein interessantes Projekt verweisen, welches vom Heldenprinzip eine Dramaturgie für Innovationen abgeleitet hat.
Innovationsdramaturgie nach dem Heldenprinzip

Die Dramaturgie der Veränderung ist ein kollektives Wissen, das jeder kennt. Bewusst oder unbewusst nehmen wir es in Filmen, Büchern, Games oder eben auch vor allem im eigenen Leben wahr. Wir nähern uns ihnen mit dem Konzept des Heldenprinzips. Grundsätzlich teilt sich ein Entwicklungszyklus, wie ihn das Heldenprinzip zeigt, in zwei Sphären:

A) Die bekannte Welt. Vertraute Terrain, dessen Muster und Gewohnheiten geläufig sind.
B) Und die unbekannte Welt. Gefilde, die fremd und nicht überschaubar sind.

Diese zwei Welten sind getrennt durch eine Schwelle. In elf archetypischen Szenen beschreibt das Heldenprinzip den steinigen Weg vom Vertrauten ins neue sinnstfiftende Unbekannte. Held schließlich ist, wer über sein momentanes Selbst hinauswächst und so zu einem ganzheitlicherem Menschen reift.

1) Ruf. In seiner gewohnten Welt vernimmt der Held den Ruf zur Veränderung.
2) Weigerung. Noch aber halten ihn innere und äußere Widerstände zurück, den Weg ins Unbekannte zu wagen.
3) Begegnung mit dem Mentor. Ein Mentor rüstet den Helden mit Rat, Tat und hilfreichen Gaben aus.
4) Erste Überwindung der Schwelle. Der Held muss sich dem Schwellenhüter stellen.
5) Weg der Prüfungen. In der unbekannten Landschaft der Prüfungen bewältigt der Held immer größere Bewegungen. Er lernt aus Erfolgen und Niederlagen.
6) Höchste Prüfung. Der Held stellt sich mit ganzem Einsatz seinem tiefgreifensten Kampf.
7) Elixir. Dafür wird er mit dem Elixir belohnt.
8) Der schwierige Rückweg. Das Ziel im Herzen macht er sich auf den Rückweg voller Widrigkeiten.
9) Zweites Überwinden der Schwelle. Noch zwischen den Welten entscheidet er die Früchte seines Abenteuers in der bekannten Welt zu ernten.
10) Erneuerung. In ehemals Vertrauten sucht der Held Orientierung, damit er das gewonnene teilen und unter Beweis stellen kann.
11) Meister zweier Welten. Der Weg hat den Helden und er seine Umwelt verändert. Wenn er hier und dort in der bekannten und in der unbekannten Welt selbstverständlich agieren kann, ist er ein Meister zweier Welten.

Das Heldenprinzip setzt sich zusammen aus den großen Akten des Wandels. In seiner universalen Struktur bietet es uns gestern wie heute den roten Faden durch das Labyrinth der Veränderung.
(Quelle: http://www.innovation-heldenprinzip.de)

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