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Kolumbien: Comuna 13

Es gibt Menschen, die haben die Fähigkeit, Farben zu fühlen, wenn sie Musik hören; oder jene, die Klänge hören, wenn sie Gerüche wahrnehmen. Zu diesen Menschen gehöre ich nicht. Allerdings lese ich Botschaften, wenn ich Menschen gegenübersitze. Auch wenn ich ihre Worte nicht (immer) verstehe. Ich lese sie in ihren Augen, in ihrer Gestik, in ihrer Mimik, an ihren Körpern. Sprache und Worte sind für mich in solchen Momenten zweitrangig, es geht um die Aura und Tonalität des gesamten Menschen.

Auch wenn ich durch die Straßen gehe, nehme ich Botschaften wahr. In den Gesichtern der Menschen, aber auch an den Fassaden der Gebäude. Diese Bilder wirken auf mich ein, sie sprechen zu mir. Wie heißt es so schön in der Kommunikationswissenschaft: Der Empfänger bestimmt die Botschaft. Der Empfänger, das bin in diesem Moment ich. Aber eine Botschaft wird immer auch durch den (bekannten) Kontext geprägt. Ich lebe in diesen Tagen in Medellín und habe die Möglichkeit, etwas tiefer in das hiesige Leben einzutauchen – und dabei den Kontext dieser faszinierenden Stadt genauer kennenzulernen. In vielen persönlichen Gesprächen mit hier lebenden Menschen erfahre ich Geschichten und Eindrücke, die mir den notwendigen Kontext verschaffen, um die Botschaften zu verstehen, wenn ich durch die hiesigen Straßen ziehe.

„Lasst uns die Welt reparieren und sie mit Farben füllen“; „In jedem von uns ruht die Fähigkeit zu fliegen“; „Jeder menschliche Herzschlag offenbart eine Vielzahl von Möglichkeiten“; „Verliere nicht den Glauben an deine Träume“; „Unter den Augen der Weisen verändert sich die Welt“; „In der Vielzahl der Einzelnen keimt die Hoffnung der Menschheit“…

Die Menge und Intensität der Botschaften auf den Straßen Medellíns ist kaum zu fassen, geschweige denn hier in Worten wiederzugeben. Sie sind hier eindringlich und allgegenwärtig zugleich.

Graffitis und Streetart spielen in kolumbianischen Städten wie Bogotá und Medellín eine wichtige Rolle. Sie werden inzwischen als Teil der soziokulturellen Identität verstanden, die sonst aufgrund der zurückliegenden und von Blut getränkten Jahrzehnte sehr zersplittert ist. Sie gelten nicht als Schmutz oder störend, sondern als Kunst und wichtige Ausdrucksform der urbanen Gesellschaft. In ihnen keimen die Samen von Träumen, Glaube, Hoffnung und dem Mut zur Veränderung.

Die Comuna 13 ist eine von insgesamt 16 Gemeinden Medellíns, die sich in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts rund um die Hügel des Valle Aburrá gebildet haben. Ihr eigentlicher Name lautet „San Javier“, aber unter dem Namen „Comuna 13“ wurde die Gemeinde in den vergangenen Jahren zu einem Symbol und Modell der gesellschaftlichen Transformation. Und dabei spielen tatsächlich Streetart und Graffiti eine ganz wesentliche Rolle.

Zuerst aber zum Kontext: Vergangenheit und Gegenwart von San Javier sind (nach wie vor) geprägt von Armut, Gewalt und Kriminalität. Müde und erschöpft vom langjährigen blutigen Kampf zwischen Guerillas und Paramilitrs auf dem Land flüchteten hunderttausende von Menschen in den vergangenen Jahrzehnten und siedelten sich an den Hängen rund um Medellín an. Sie bildeten kleine Siedlungen, die zu Barrios heranwuchsen, alsbald mit der Stadt verschmolzen und inzwischen ein fester Teil davon sind. Eine Flucht von der Hölle in die Hölle. Inmitten extremer Armut und ohne Aussicht auf Arbeit und gesellschaftlichen Aufstieg herrschten Verzweiflung, Wut und Perspektivlosigkeit. Das Leben in der Comuna 13 war geprägt von Gewalt, Drogen und Kriminalität. Wer hier lebte hatte keine Hoffnung oder sie wurde ihr/ihm schnell genommen. Kinder, die hier geboren wurden erwartete ein trauriges Leben, meistens der schnelle Tod. Barrio Nummer Dreizehn wurde schnell zum Epizentrum der hiesigen Gewalt. Erst folgten die Guerilleros, dann die Paramilitärs, schließlich die Drogenkartelle. Sie alle kämpften um die Vorherrschaft in einem Barrio, das aufgrund seiner Lage strategische Vorteile versprach im Kampf um die Macht auf den Straßen Medellíns. Für Jugendliche, die ihre Eltern verloren oder in unfassbar ärmlichen Verhältnissen aufwuchsen, versprachen die Clans, Banden und Kartelle oftmals die einzige Möglichkeit ein Versprechen auf die Einbindung in eine soziale Struktur zu erlangen.

Wer die Netflix-Serie „Narcos“ gesehen hat, wird etwas damit anzufangen wissen, wenn ich schreibe, dass die „Comuna 13“ in den 1980er und 1990er Jahren zum Zentrum der Kämpfe zwischen dem Escobar-Kartell, den Los Pepes und den paramilitärischen Einheiten wurde. Seinen Höhepunkt fand die Spirale der Gewalt als unter Álvaro Uribe, dem damaligen konservativen Präsidenten Kolumbiens, 2002 die „Operación Orión“ durchgeführt wurde: Streitkräfte, Nationalpolizei und Airforce stürmten in Abstimmung mit den Paramilitärs San Javier und verwandelten das Viertel in einen Kriegsschauplatz. Hubschrauber kreisten über den Straßen, die Armee durchkämmte Haus für Haus. Die große Säuberung. Die leblosen Körper unzähliger Toter und Ermordeter wurden in einem gemeinsamen Grab auf dem Müllberg „Escombrera“ verscharrt. Dort ruhen sie noch heute.

Es waren blutige Stunden. Aber an den Problemen änderte sich auch durch diese Aktion nichts. Im ersten Halbjahr 2008 wurden in San Javier bei knapp 134.000 Einwohnern 38 Morde gezählt. Nach einigen ruhigeren Jahren flammte Anfang 2018 die Gewalt wieder auf, beruhigte sich in den folgenden Monaten aber wieder. Die Comuna 13 ist also noch weit davon entfernt von Ruhe, geschweige denn von dauerhaftem Frieden zu sprechen.

Und dennoch beginnt sich etwas zu verändern. Ganz langsam. Aber stetig. Kommune, Stadt, Künstler*innen und die Bewohner*innen selbst haben in den vergangenen Jahren den Dialog miteinander gesucht (auch mit den örtlichen Clans). Ziel war es, einen dauerhaften Ausweg aus der tödlichen Spirale der Hoffnungslosigkeit zu finden. Gefunden wurde er dann schließlich in zweierlei Hinsicht:

1) Zu Beginn stand eine verrückte Idee: Rolltreppen und eine Seilbahn. Mitten in der Stadt. Als Teil des ganz normalen ÖPNV. Was von vielen anfänglich für einen schlechten Scherz gehalten und als illusorisch abgeheftet wurde (soviel zum Thema Utopien & Träumen) wurde schließlich tatsächlich umgesetzt. Und es entwickelte sich zum Erfolgsmodell. Heute ist es möglich für weniger als einen Euro mit der Metro, verschiedenen Seilbahnen und Rolltreppen quer durch das Valle Aburrá und damit auch in viele vorher abgeschnittene Barrios zu fahren. So wurden zuvor abgeschnittene Gemeinden schnell und einfach zugänglich.

2) Mindestens genau so wichtig ist der soziokulturelle Aspekt. In diesem Fall tatsächlich in Form von Streetart und Graffiti. Sie wirken nach Außen wie auch nach Innen. Natürlich erleichtern die neuen Transportmöglichkeiten den Zugang. Dass aber tatsächlich jeden Tag hunderte von Tourist*innen und Kolumbianer*innen einen Ort wie die Comuna 13 besuchen und sich die Gemeinde inzwischen zu einem kleinen Open-Air-Museum entwickelt hat, liegt an den Kunstwerken vor Ort. Unzählige Graffitis und Wandmalereien zieren die Straßen und Gebäude des Barrios. Die Bilder erzählen Geschichte und werden inzwischen selbst zu einem wichtigen Teil davon. Es sind die Geschichten der Menschen, die hier lebten und leben. Geschichten von Gestern und Heute, voll Trauer, Leiden und Schmerz. Aber insbesondere sind es Geschichten vom Morgen. Geschichten von Hoffnung, Träumen, Mut und der Utopie einer besseren Welt. Es sind diese – nicht selten von indigener Kultur geprägten – in bildlichen Darstellungen festgehaltenen Hoffnungsschimmer, die viele Menschen anziehen. Und damit steigt auch die Hoffnung. Es ist nicht nur die Möglichkeit der gegenseitigen Begegnung, sondern auch die Entstehung einer kleinen zarten wirtschaftlichen Pflanze, die Einzug in San Javier hält. Plötzlich erhalten Jugendliche für ihr Breakdancen Aufmerksamkeit, Applaus und Pesos. Und wer ihre/seine künstlerischen Fähigkeiten soweit entwickelt hat, dass sie anschließend durch die Fotolinsen ihren Weg an die örtlichen Souvenirstände oder in die verzweigten Winkel des globalen Dorfs finden, wird plötzlich selbst zum Pionier der örtlichen Veränderung – und erhält damit eine gesellschaftliche Anerkennung, die keine alternative Gruppierung bieten kann.

Die Erde tut, was sie immer schon getan hat. Sie dreht und sie verändert sich. Die Chance auf dauerhafte Veränderung zum Positiven ist stets vorhanden. Positive Veränderung passiert allerdings nicht alleine. Sie benötigt Geduld. Insbesondere benötigt sie aber Begegnung, Empathie, Aktivität und Teilhabe. Das allerwichtigste allerdings sind die lebendigen Träume und Hoffnungen der Menschen, dass eine bessere, eine friedlichere Welt tatsächlich möglich ist. Diese Hoffnung erarbeiten sich die Jugendlichen der Comuna 13 gerade unter den ungünstigsten Bedingungen selbst. Sie schreiben ihre eigene Geschichte, indem sie jene ihrer Vorfahren erzählen und jene ihrer Träume mit uns teilen. So entwickelt sich zwischen dem Gestern und dem Morgen eine neue soziokulturelle Identität. Wichtig ist es, dass wir ihren Botschaften zuhören und sie weitertragen.

Die Erde dreht, sie bewegt sich. Bewegung erzeugt Wärme. Und aus Bewegung und Wärme entsteht Wind. Dieser warme Wind, er kommt von Unten und hat das Potential, diese Welt zu einem bunteren Ort zu machen. Das gibt tatsächlich Hoffnung. Lasst uns gemeinsam Träumen.

Eine kleine Sammlung von Graffitis der Comuna 13 findet ihr auf Instagram unter: http://instagram.com/redesign_Thinking

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