„Sex and the Internet“ und Chat-Roulette: Youtube zensiert re:publica-Video

Learning by Doing: Ein kleine Geschichte, wie man durch die Nutzung von Sozialen Medien im Rahmen privater Contentverbreitung die Regeln, Reaktionen und Grenzen im Social Web kennen- und verstehen lernen kann – mit einem beherzt ironischem Schmunzeln am Ende…

Melissa Gira Grant ist eine US-amerikanische Bloggerin und Autorin, die sich privat und als Kolumnistin mit dem Thema Sexualität, insbesondere in der Onlinekommunikation auseinandersetzt. Auf der diesjährigen re:publica hatte Grant einen Vortrag mit dem aufmerksamkeitserregenden Titel „Sex and the Internet“ gehalten, in welchem sie auf die Diskussionen rund um dieses Thema einging und von ihren eigenen Erfahrungen berichtete. Tenor des Vortrages war, dass die Auseinandersetzung mit Sexualität im Internet nicht immer nur als billige und dreckige Sache gesehen werden muss, sondern auch dazu dienen kann, sich professionell und auf angemessenem Niveau damit auseinanderzusetzen. Grant hatte in diesem Zusammenhang einige Internet-Projekte und Webseiten vorgestellt, die sich vorbildlich, teilweise sogar ratgebend und pädagogisch mit dem Thema Sexualität auseinandersetzen.

Das Experiment

Neben dem iPad, den Melissa Gira Grant während des gesamten Vortrages in ihrem Arm präsentierte, bleibt insbesondere das Ende ihres Vortrages in Erinnerung. Grant machte nämlich den Praxistest und wollte anhand von Chat-Roulette zeigen, wieso auch heute noch ein großer Teil der Menschen und Medien beim Thema Sex und Internet an Schmuddelecken und Perverse denken. Nun, sagen wir, dass ihr dieser Versuch hervorragend gelungen ist: In dem etwa 10-minütigen Chat-Roulette-Experiment zeigte sich nicht eine einzige Frau als Kommunikationspartnerin, dafür allerdings gleich zwei Männer, die ihr Geschlechtsteil masturbierend in die Webcam hielten. Highlight des ganzen Experimentes war, als Grant ihren Chat-Partner fragte, ob sie ihn ihren anwesenden Freunden zeigen dürfe und nach dessen Zustimmung anschließend den Laptop mit der integrierten Webcam umdrehte, so dass alle anwesenden etwa 500 Zuschauer johlend und applaudierend in die Kamera winken konnten.

Ich hatte die ganze Aktion mit meinem iPhone aufgenommen. Dabei hatte ich meine Kamera bewusst so positioniert, dass ich hauptsächlich das ganze Auditorium sowie Grant darauf hatte und weniger das an eine Leinwand projizierte Bild des Chat-Roulette-Bildschirms. Nachdem ich das Video Zuhause nochmal inhaltlich geprüft hatte und man außer einer entfernten, fast schon unkenntlichen und nicht identifizierbaren, Bewegung nichts „unsittliches“ erkennen konnte, hatte ich das Video anschließend unter dem Titel „Chat Roulette live auf der re:publica 2010“ auf meinem Youtube-Account hochgeladen, samt der Beschreibung, dass dieses im Rahmen des Vortrages „Sex and the Internet“ von Melissa Gira Grant entstanden ist.

Die Reaktion von Youtube

Wie zu erwarten gingen die Zugriffszahlen des Videos schnell in die Höhe, da das Video über Twitter und Tumblr, sogar direkt von Melissa Gira Grant, weiterverbreitet wurde Es dauerte nicht lange und Youtube meldete sich bei mir. Man habe festgestellt, dass sich das eingestellte Video steigender Beliebtheit erfreue und bot mir an, Werbung in den Clip zu integrieren und mich an den Werbeeinnahmen zu beteiligen. Ich bin nicht darauf eingegangen, weil ich daran kein Interesse hatte.

Heute folgte nun die nächste Mail von Youtube. Diesmal jedoch mit einem ganz anderen Inhalt. Denn diesmal ging es nicht darum, weiter einen gemeinsamen Werbedeal mit mir anzustreben, sondern man setzte mich darüber in Kenntnis, dass man das Video „Chat Roulette live auf der re:publica 2010“ wegen Verstoßes gegen die Community-Richtlinien entfernt habe. Weiter heißt es:

Nacktheit ist in den meisten Fällen auf YouTube nicht gestattet, vor allem dann, wenn es sich um sexuelle Inhalte handelt. Im Allgemeinen gilt, dass ein Video mit sexuell provokativen Inhalten häufig von YouTube abgelehnt wird. Ausnahmen sind bestimmte Inhalte aus den Bereichen Bildung, Dokumentation und Wissenschaft, sofern die Videos nur diesen bestimmten Zwecken dienen und nicht übermäßig deutlich sind.

Das Fazit

Ich rechne es Youtube hoch an, dass man sich offensichtlich darum bemüht, die eigene Plattform weitestgehend „sauber“ zu halten und die Umsetzung der Community-Richtlinien prüft und gegebenenfalls umsetzt. Youtube könnte als gewerblicher Dienst wohl kaum derartig erfolgreich bestehen, wenn die Inhalte der Videoplattform mit Videos mit sexuellen, gewaltverherrlichenden, menschenverachtenden oder urheberrecht-verletzenden Videos überschwemmt würde. Was man aus dieser kleinen Geschichte mitnehmen kann ist auf jeden Fall die Erkenntnis, dass Youtube nicht egal zu sein scheint, was die Nutzer hochladen und das auch prüft.

Dass es sich in dem vorliegenden Fall des Videos „Chat Roulette live auf der re:publica 2010“ eigentlich um eine Lapalie handelt, da wirklich kein sexueller Inhalt dargestellt war, sei in diesem Falle einmal außen vor – ich möchte da (diesmal) auch nicht auf der beliebten Zensur-Aufschrei-Welle mitschwimmen. Nicht auszuschließen, dass es die Kombination aus meinem Nutzernamen (PorNoKratie), der Beschreibung („Sex and the Internet“), dem Titel („Chat-Roulette…“) sowie die sich aus diesem Kontext ergebende Ahnung der Bedeutung der ansonsten unidentifizierbaren Bewegung im entfernten Hintergrund des Videos war, die dazu geführt hat, das Video zu prüfen und die entsprechende Maßnahme vorzunehmen.

Ich für meinen Teil nehme jedenfalls mit, einmal die Grenzen von Youtube (unfreiwillig) ausgelotet und die daraus folgenden Konsequenzen erfahren zu haben. Eine nette und anschauliche Anekdoten, die sich bestimmt auch irgendwann einmal im Rahmen der Social-Media-Beratung erzählen lässt, um dem Gegenüber die „Angst vor Youtube“ zu nehmen.

Was bleibt… 🙂

Ein dickes Schmunzeln zaubert die ganze Aktion dennoch auf mein Gesicht, nicht nur, weil ich die ganze Lösch-Aktion für im Grunde genommen überflüssig halte, sondern vielmehr, wenn man bedenkt wie und in welchem Rahmen das betreffende Video entstanden ist: Während der Session „Sex and the Internet“ auf diesjährigen re:publica, bei der die selbsternannte Sex“forscherin“ Melissa Gira Grant unter anderem auch die undifferenzierte und manchmal sogar panische Angst von bürgerlichen Medien mit dem Thema Sexualität und die damit häufig einhergehende Doppelmoral anprangerte und für mehr Offenheit plädierte. Immerhin: Das offizielle republica-Video mit dem Vortrag von Grant ist nach wie vor verfügbar – trotz sexuellem Inhalt…